Arnold Böcklin
Bacchanale, um 1886
Aus einer privaten Zürcher Sammlung, in der sich das Werk bereits seit 1924 befand, gelangt ein bedeutendes Gemälde von Arnold Böcklin (1827 Basel –1901 Fiesole), «Bacchanale», ins Kunsthaus. Es stammt aus der Anfangszeit von Böcklins Zürcher Jahren (1885–1892), die er in Hottingen verbrachte.
Das Bild zeigt ein römisch inspiriertes, ausgelassenes Fest (ein Bacchanal zu Ehren des Weingottes Dionysos oder Bacchus) mit Anspielungen auf die damalige Zürcher Künstlergesellschaft, der Vorläuferin der heutigen Kunstgesellschaft.
Auch die Glorie, die sich um das Schattenbild legt, kann naturwissenschaftlich erklärt werden, wird hier doch das Sonnenlicht von den feinen Nebeltropfen zurückgestreut. Vergleichbar mit der Entstehung eines Regenbogens wird das Licht dabei gebrochen und in verschiedene Farben zerlegt.
Unter den Protagonisten dieses Bildes gibt es kein Halten mehr: Der Soldat etwa, der breitbeinig den Vordergrund einnimmt, scheint heillos dem Wein verfallen. Da hilft auch kein flehentliches Drängen zur Mässigung seitens seiner Begleiterin. Links hinter ihm torkelt ein etwas einfältig dreinschauender Dionysos mit hochrotem Kopf durch die Szenerie – mit einer älteren Dame im Schlepptau, die allerdings kaum nachzukommen scheint. Ein Sturz des Paars, so, wie er sich im Hintergrund bei zwei anderen Figuren vollzieht, scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Rechts im Bild schliesslich liegen volltrunkene Gäste ohne das geringste Lebenszeichen kreuz und quer im Gartenbeet herum. Böcklin hat sich bei diesem Bild einen grossen Spass erlaubt – auch, weil er hier offenbar ein gehöriges Mass an Gesellschaftssatire einfliessen liess.
Aus erster Hand ist durch Otto Lasius überliefert, dass Böcklin beim Malen des Bildes «oft hell auf(gelacht)» und ferner kommentiert habe: «(D)er Soldat in der Rüstung, (…), liegt und schnarcht, der träumt, er sei im Glied. Und das Pfäffchen daneben hat auch sein Teil! Die wissen doch immer, wo’s einen guten Tropfen giebt».1 Möglicherweise hat Böcklin hier aber nicht nur einen launigen Kommentar auf seine Umwelt im Allgemeinen geliefert, sondern sich auf ein ganz konkretes Ereignis bezogen.
So mag Böcklin hier auf ein Kostümfest Bezug genommen haben, das zu Ehren Gottfried Kellers im Zürcher «Künstlergütli» stattfand.2 Im Laufe dieser Feierlichkeiten, die auf den 13. Februar 1886 datiert sind, wurden Bilder und Szenen aus Kellers «Züricher Novellen» dargestellt. Wie die Neue Zürcher Zeitung später berichtete, seien zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Festes «eine gebräunte, schwarzhaarige Schaar mit Tamburin und Dudelsack trällernd (dahergekommen) (…) Italienische Lieder erklangen, in reiner italienischer Sprache wurde gescherzt, schmucke Paare tanzten Saltarello und Tarantella».3
Der Artikel versäumt freilich nicht, den üppigen Ausschank von Alkohol zu erwähnen. Auch Böcklin, der beim Fest zugegen war, soll dem Wein an diesem Abend zugetan gewesen sein. Als der Maler mit seinem Freund Keller den Nachhauseweg antrat, sei man, so will es eine Anekdote, zu Boden gestürzt und übereinander zum Liegen gekommen sein: «Da lagen sie nun quer übereinander (...), der grösste Dichter und der grösste Maler, (...), ein ganz respektables Häuflein Kunst!»4 Die eingangs erwähnten schwer alkoholisierten Herren im Gartenbeet könnten ein Kommentar des Künstlers auf diese skurrile Begebenheit sein. Gelegentlich wollte man in den gemalten Gesichtern gar eine Porträtähnlichkeit zu Keller und Böcklin feststellen.5
Das Rauschhafte, Zügellose und Entgrenzte, das Bacchanalien der Tradition nach auszeichnet, ist in diesem buntfröhlichen Bild Böcklins virtuos eingefangen. Dass das Gemälde spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Alternativtitel «Oktoberfest» kursierte,6 zeigt einmal mehr den humoristischen Gehalt des Bildes an. Es mag unter Beweis stellen, was von dem damaligen Fest im «Künstlergütli» grundsätzlich gesagt wurde, nämlich «dass die Künstlergesellschaft (damit) bewiesen (habe), dass sie den Vorwurf, der Verknöcherung entgegen zu gehen, nicht verdient.»7
Die Architektur im Hintergrund des Gemäldes verrät den Einfluss Italiens, was nicht weiter überraschend ist, da Böcklin erst kurz zuvor aus dem Süden zurückgekehrt war.
Ob am linken Bildrand indes der Zürichsee dargestellt ist,8 mag dahingestellt bleiben. Fest steht, dass das Werk ein zentrales Dokument für Böcklins frühe Zürcher Schaffensphase darstellt und dem im Kunsthaus vorhandenen reichen Bestand an Arbeiten des Malers ein eindrucksvolles Gemälde hinzufügt.
1Zitiert nach: Otto Lasius, Arnold Böcklin. Aus den Tagebüchern von Otto Lasius, Berlin 1903, S. 103–104.
2Bertha Hürlimann-Hirzel, Erinnerungen aus meiner Jugendzeit. 1867–87, Zürich 1938, S. 60–61.
3Albert Fleiner, «Kostümfest im Künstlergut», in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 47 (17. Februar 1886), S. 2. Ich danke Andrej Kilian für den Hinweis auf diesen Zeitungsartikel.
4Ders., Mit Arnold Böcklin, Frauenfeld 1915, S. 67–68.
5Regula Patrizia Willi, Arnold Böcklin – Zürcher Jahre, Masterarbeit im Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin 2011 (unpubliziert), S. 15. Ich danke Angelica Tschachtli für den Hinweis auf diese Magisterarbeit.
6Lasius 1903, S. 103 (wie Anm. 1).
7Fleiner 1886, S. 2 (wie Anm. 3).
8Rolf Andree, Arnold Böcklin: Die Gemälde, Basel 1977, Kat. 390, S. 462.