Walid Raad
Epilogue II: The Constables, 2021
Das siebenteile Werk «Epilogue II: The Constables» wurde anlässlich von Walid Raads Einzelausstellung und Performanceprojekt «Cotton under my feet: The Zurich chapter» 2024 im Kunsthaus Zürich gezeigt.1 Ursprünglich ein Auftrag von TBA21 Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, entstand das Projekt in Zürich in Kooperation mit dem Zürcher Theater Spektakel.
Als scharfsinniger Beobachter unserer Zeit ging der Künstler Walid Raad (*1967 Chbanieh, Libanon, lebt in Medusa, NY) bei dieser Präsentation von der Verbreitung öffentlicher und privater, westlicher und nichtwestlicher Kunstsammlungen und Museen aus. Er stellte dabei unerwartete Verbindungen zwischen Kunstwerken, Erzählungen und Geschichten her und erforschte so das Kontinuum zwischen Erkenntnis und Imagination. Zentrales Element dieser Ausstellung war eine Performance-Tour, bei der der Künstler selbst durch mehrere Räume des Kunsthaus Zürich führte.
Auf diesem Rundgang machte er auch Halt vor «Epilogue II: The Constables» und erzählte, wie er diese Fotografien im Keller des Kunsthauses aufgefunden habe. Es seien Darstellungen von Wolken, die sich auf den Rückseiten von Gemälden Alter Meister aus der ehemaligen Sammlung von Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza befänden. Thyssen-Bornemiszas Vater hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der spektakulärsten Kunstsammlungen aufgebaut, die von seinem Sohn erweitert wurde und die lange in der Villa Favorita bei Lugano zu besichtigen war. Nachdem die Wolkenbilder durch Zufall bei einer eingehenden restauratorischen Untersuchung 1983 entdeckt worden seien, habe der Sammler verboten, die Vorderseite der kostbaren Gemälde und deren Autorschaft jemals wieder zu veröffentlichen. So stehe es auch in der Schenkungsurkunde der Gemälde an das Kunsthaus Zürich. Aus diesem Grund sei es nur noch möglich, die Fotografien der bemalten Rückseiten zu zeigen. Weiter beschäftigte sich Raad mit der Frage der Zuschreibung. Offenbar seien die Wolkenstudien in den 1820er-Jahren gemalt worden und sähen denjenigen des britischen Malers John Constable (1776 –1837) ähnlich. Constables Interesse an Meteorologie habe ihn dazu gebracht, über hundert Wolkenstudien zu fertigen, allerdings wisse man nur von einer, die sich auf der Rückseite eines Gemäldes befindet. Ob die hier abgebildeten Studien auch von seiner Hand stammen, sei daher ungewiss.
Mit solchen Geschichten, die um die Arbeit in einem Museum kreisen – Annahme von Werken aus Privatsammlungen, Restaurierung, Zuschreibung, Provenienzrecherchen, Hängung –, führt uns Raad auf labyrinthische Fährten, auf denen mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet werden. Diese für Museen zentrale Fragen sind gerade für das Kunsthaus Zürich von besonderer Relevanz. Das hat auch der Umgang mit der Sammlung Emil Bührle gezeigt.
Die sieben Fotografien unterschiedlichen Formats werden jeweils auf einer Fototapete als Arrangement gehängt. Die Tapete täuscht dabei einen roten Damast vor, wie er in vornehmen Bauten seit der Barockzeit verwendet wurde. Im Kunsthaus Zürich befanden sich bisher nur einzelne grafische Arbeiten von Walid Raad. Dank der Zürcher Kunstfreunde fand nun eine installative Arbeit des international renommierten Künstlers Eingang in die Sammlung.
1Walid Raad, Cotton under my feet: The Zurich chapter, Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, Zürich 2024.