Kunstprojekte

 

Refik Anadol. Glacier Dreams

Refik Anadol (*1985 Istanbul, lebt in Los Angeles) zählt zu den bedeutendsten Pionieren der auf KI-Technologien basierenden Kunst. Die Privatbank Julius Bär hat es ermöglicht, dass seine Installation «Glacier Dreams» als Schenkung in die Sammlung des Kunsthauses eingeht, wo sie auf dem ersten Zwischengeschoss des Chipperfield-Baus ab Januar 2025 permanent für mindestens zwei Jahre zu sehen sein wird.

Für sein spektakuläres Werk «Glacier Dreams» (2023) setzte Anadol sich mit Hilfe der KI mit einem der wichtigsten Themen unserer Zeit auseinander – dem Klimawandel. «Glacier Dreams» ist ein von Julius Bär kommissioniertes, multisensorisches KI-Werk im Rahmen der 2022 ins Leben gerufenen NEXT-Initiative der Bank, die neue Formen kulturellen Schaffens an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie fördert und die Erforschung von Megatrends unterstützt. Der Künstler und sein Team sammelten auf Recherchereisen neben bereits existierenden Gletscherfotos selbst Daten vor Ort und generierten damit einen KI-basierten 14-minütigen Film mit einem Soundtrack von Kerim Karaoglu. Im Kunsthaus Zürich hat «Glacier Dreams» nun einen Standort in einem 4 × 4 Meter grossen Spiegelkubus gefunden, der mittels 256 LED-Panels die Besuchenden in ein immersives Zerfliessen abertausender Archivbilder von Eis eintauchen lässt. Diese Erfahrung wird durch den zarten Duft des KI-generierten «Lauterbrunnen»-Parfums subtil ergänzt. Die besonders skulpturale, an die raue Techno-Ästhetik des Kultfilms «Blade Runner» erinnernde Inszenierung wurde von Kunsthaus-Kuratorin Cathérine Hug in enger Absprache mit Anadol und Laura Blagho von der Privatbank Julius Bär entwickelt. Anadol betrachtet sich selbst als klassischen Künstler, der, inspiriert von der Natur, mit einem digitalen Pinsel malt. Die Tatsache, dass sein Werk nun neben denen der Impressionisten positioniert ist, steht im Einklang mit diesem Ansatz.

Im Rahmen des «Zurich AI Festival» (Oktober 2025) haben Kunsthaus-Mitarbeitende, der Glaziologe SamuelNussbaumer und die Interactive-Designerin Paulina Zybinska unter dem Motto «Pixels & Perception: Revisiting AI Through Art» Anadols Werk in eine selbstkritische Debatte gerückt.

Cathérine Hug, Kuratorin


Roman Signer. Landschaft

Roman Signer gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schweizer Kunstschaffenden. Für seine erstegrosse institutionelle Einzelausstellung in Zürich, dieer in enger Zusammenarbeit mit seiner Frau Aleksandraentwickelte, verwandelte er den Ausstellungssaal im Kunsthaus in eine «Landschaft» – so der Titel der Ausstellung. Der Raum war ganz offen, ohne Wände, die den Raum unterteilten. «Ich verteile die Werke im Raum, und das Publikum kann die Arbeiten wie auf einem Spaziergang erkunden», so der Künstler. Das entspricht auch der Art und Weise, wie Roman Signer selber die Welt anschaut und Inspiration für seine Arbeit findet – er war nie ein Atelierkünstler. Stattdessen entdeckt er Kunst im Alltag und seine Akademie war die Strasse. Diesen Gedanken nahm die Ausstellung auf und dehnte sich in den Stadtraum aus: Auf dem Heimplatz stand derfahrbare Brunnen «Fontana di Piaggio» (1995), und der gläserne Verbindungsgang zum Vortragssaal wurde für die Präsentation einer Fotoserie von Roman Signer genutzt.

Die Natur mit ihren Elementen spielt in Signers Werk eine zentrale Rolle. Er fordert die Gesetze der Natur heraus und kreiert Anordnungen, die uns immer wieder aufs Neue überraschen. Dabei spielen Zufall sowie das Eindämmen und Freisetzen von Energie eine zentrale Rolle. Es sind die nur beschränkt kontrollierbaren Kräfte, wie z. B. jene von Explosionen oder der Schwerkraft, die Signer faszinieren und die er bei der Herstellung seiner Skulpturen einsetzt. «Ich arrangiere nur. Die Kraft macht meine Skulptur bzw. manifestiert sich in meiner Skulptur», beschreibt der Künstler seine Vorgehensweise. So entstehen unerwartete Situationen, die einen neuen Blick auf die Welt eröffnen und auch die Rolle des Künstlers in ein anderes Licht rücken. Wasser ist ein wiederkehrendes Sujet und bestimmte Objekte wie das Kajak tauchen in seinem Schaffen immer wieder auf. Für die Ausstellung im Kunsthaus realisierte Roman Signer eine Reihe neuer Werke und zeigte im Dialog dazu historische Werke aus früheren Schaffensperioden.

Der Schwerpunkt der Schau lag auf den Skulpturen und rückte damit eine bis jetzt noch nicht so oft gezeigte Seite von Signers Werk in den Mittelpunkt. Ergänzt wurden die Skulpturen durch punktuell im Raum gesetzte grossformatige Fotografien sowie eine mehrteilige Videoinstallation, die in dem normalerweise als Lagerraum genutzten Annex des grossen Ausstellungssaals präsentiert wurde. Die Videoinstallation zeigte eine Auswahl von Super-8-Filmen aus den Jahren 1975–1989, die ephemere Aktionen von Roman Signer festhalten und in Gebärdensprache übersetzt wurden.

Zur Ausstellung entstand eine Publikation mit einem mehrteiligen Gespräch zwischen dem Künstler und der Kuratorin der Ausstellung, das seinem Werdegang nachspürt und die wichtigsten Themen in seinem Schaffen aus Sicht des Künstlers beleuchtet. Illustriert wurde der Text mit einer vielfältigen Auswahl von Fotos aus Roman Signers Archiv. Als Abschlussveranstaltung zur Finissage vertonte der Musiker und Komponist Carlos Hidalgo eine Auswahl von Roman Signers «Restenfilme» live – das sind selten gezeigte Filmsequenzen, die die Entstehungsprozesse vieler Werke dokumentieren.

In Kooperation mit dem Kunsthaus und der NZZ hat Roman Signer eine limitierte Sonderedition geschaffen. «Käse mit Biss», 2025, Edition von 15 Ex. + 5 AP ist aus Messingguss und vom Künstler signiert. Das exklusive Objekt zum Preis von CHF 10 000 war nach Ausstellungsbeginn sehr schnell vergriffen.

Unterstützt durch die UBS, Partnerin Kunsthaus Zürich, die Monsol Foundation und Boston Consulting Group.

Mirjam Varadinis, Curator-at-large


Monster Chetwynd – The Trompe l’oeil Cleavage

Im Mittelpunkt dieser Ausstellung stand das vielschichtige künstlerische Werk von Monster Chetwynd (*1973 London), die seit 2020 in Zürich lebt und welche später im Jahr auch die Installation «Zardoz» im Garten des Chipperfield-Baus realisierte.

Die Ausstellung vereinte Arbeiten aus rund 25 Jahren künstlerischer Praxis mit neuen Werken und bot erstmals in der Schweiz einen umfassenden Überblick über eine der eigenwilligsten Positionen der zeitgenössischen Kunst. Gezeigt wurden Performances, Skulpturen, Malereien und Filme, die sich zu einer dichten Gesamtinszenierung verbanden.

Monster Chetwynd arbeitet medienübergreifend und kombiniert Elemente aus Performance, Skulptur und Malerei zu offenen, theatralischen Bildräumen. Ihr Schaffen ist geprägt von der Methode der Bricolage: Unterschiedliche kulturelle Quellen aus Kunstgeschichte, Anthropologie, Literatur und Popkultur wurden neu kontextualisiert und miteinander verschränkt. Dabei greift sie ebenso auf mittelalterliche Mysterienspiele und Fastnachtstraditionen wie auf Motive aus der Popkultur zurück. Humor, Improvisation und Kollaboration bildeten zentrale Grundlagen ihrer Praxis.

Die Ausstellung entfaltete sich in einer eigens von der Künstlerin entworfenen Szenografie, die von der historischen Via Appia bei Rom und ihren monumentalen Grabkammern inspiriert war. Ein Parcours aus Skulpturen, Modellen, frühen Performance-Dokumentationen, Filmen sowie Malereien aus der Serie «Bat Opera» strukturierte den Rundgang. Die Ausstellung wurde so zu einem Schwellenraum, der die Besucherinnen und Besucher für die Dauer des Ausstellungsbesuchs in einen Zustand des Übergangs versetzte.

Ein zentraler Bestandteil der Ausstellung war die Filmtrilogie «Hermitos Children», die erstmals vollständig gemeinsam präsentiert wurde. In einer episodischen, fragmentarischen Erzählweise verbanden die Filme Szenen aus früheren Performances mit surrealen Bildwelten, skurrilen Figuren und experimentellen Handlungselementen. Auf spielerische Weise thematisierte Chetwynd darin Fragen von Identität, Kollaboration und gesellschaftlichen Normen und kann gleichzeitig als eine innovative Form der Performance-Dokumentation verstanden werden.

Die Ausstellung machte deutlich, wie Monster Chetwynd mit anarchischem Humor, historischer Tiefenschärfe und bewusster Improvisation etablierte Ordnungen unterlief und neue Möglichkeitsräume eröffnete. Sie positionierte ihr Werk zwischen Theater, Ritual und bildender Kunst und würdigte Chetwynd als eine prägende Stimme der zeitgenössischen Performancekunst. Zur Ausstellung erschien eine Publikation auf Deutsch und Englisch mit Beiträgen von Elisabeth Bronfen und Emily Pethick sowie einem Gespräch zwischen der Künstlerin und dem Kurator Raphael Gygax. Unterstützt von Swiss Re, Partner für zeitgenössische Kunst.

Raphael Gygax, Curator-at-Large



SUZANNE DUCHAMP. RETROSPEKTIVE

Das Kunsthaus präsentierte im Jahr 2025 die erste Retrospektive von Suzanne Duchamp (1889 Blainville-Crevon – 1963 Neuilly-sur-Seine). Die Dadaistin und Malerin hat ein verblüffend vielfältiges Werk hinterlassen, das in weltberühmten Sammlungen zwar vertreten, aber vorwiegend Kennerinnen und Kennern bekannt ist. Als Schwester von Marcel Duchamp, Raymond Duchamp-Villon und Jacques Villon war sie stets am Puls der Zeit und hat der Kunstgeschichte eigene Impulse gegeben. 1919 heiratete sie den Schweizer Künstler Jean Crotti, mit dem sie bis zu dessen Tod immer wieder spannende Kooperationen einging und von dem das Kunsthaus Zürich Schlüsselwerke besitzt. 1983 widmete das Centre Pompidou in Paris in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Bern dem Paar eine Ausstellung, betitelt «TABU DADA. Jean Crotti & Suzanne Duchamp 1915–1922» – seither wurde den beiden, geschweige denn Duchamp selbst, nie wieder eine vergleichbar bedeutsame Ausstellung gewidmet. Duchamp ermöglichte das «freie Atmen» durch ihre Kunst, sodass sie vielen verschiedenen künstlerischen Pfaden folgen konnte. Als Dadaistin trieb sie ihre Malerei immer weiter in Richtung Abstraktion, wenngleich sie an visuellen Bezugspunkten festhielt, die sie durch die geheimnisvollen Titel, die sie ihren Arbeiten verlieh, noch verstärkte. Aus noch zu erforschenden Gründen kehrte sie 1922 Dada abrupt den Rücken zugunsten einer offenkundig figurativen Malerei.

Die Fachzeitschrift ARTnews (New York) setzte Duchamp mit dieser Ausstellung in die Liste der «10 Under-Recognized Artists Who Got Their Due in 2025». Die Gastkuratorin Talia Kwartler hat in den letzten acht Jahren intensiv über Suzanne Duchamp geforscht und über sie promoviert. 2024 wurde sie von Professorin Bärbel Küster an das Kunsthistorische Institut der Universität Zürich für einen Lehrauftrag zu Frauen in der Dada-Bewegung eingeladen. Mit Kunsthaus-Kuratorin Cathérine Hug co-kuratierte sie diese Retrospektive mit rund 80 Exponaten, die teils erst durch beharrliche Recherchearbeit ausfindig gemacht werden konnten. Unter den prestigeträchtigen Leihgebenden befanden sich so namhafte Institutionen wie das MoMA in New York, das Philadelphia Museum of Art, das Art Institute of Chicago, das Centre Pompidou in Paris und die Bluff Collection. Zur Retrospektive ist der erste umfassende und reich illustrierte Band zu Suzanne Duchamp in Deutsch und Englisch bei Hatje Cantz in Berlin erschienen, mit Beiträgen von Anne Berest, Carole Boulbès, Cathérine Hug, Jean-Jacques Lebel, Amy Sillman, Effi Rentzou und Talia Kwartler.

Die Retrospektive war eine Kooperation mit der Kunsthalle Schirn in Frankfurt a. M. und wurde dort von Ingrid Pfeiffer kuratiert. Sie ist auch in enger Zusammenarbeit mit den beiden Stiftungen AssociationDuchamp Villon Crotti sowie Association Marcel Duchamp entstanden.

Unterstützt durch UNIQA Kunstversicherung Schweiz und Albers & Co AG.

Cathérine Hug, Kuratorin


JEFFREY GIBSON – BOSHULLICHI / INLƲCHI. We will continue to change

Im Frühling 2025 eröffnete im Foyer Haefner im Chipperfield-Bau die erste Auftragsarbeit – eine Totalinstallation von Jeffrey Gibson, die im Rahmen von «Kunst für Alle» diesen Ort aktivieren und stärker in den Fokus der Besuchenden rücken soll.

Seit über zwei Jahrzehnten entwickelt Jeffrey Gibson (*1972 Colorado Springs, lebt und arbeitet in New York) eine eigenständige künstlerische Sprache, in der sich westliche Stileinflüsse mit nordamerikanischen indigenen Traditionen verbinden. Seine Arbeiten in Malerei, Skulptur, Installation und Performance zeichnen sich durch leuchtende Farben, komplexe Muster und den Einsatz vielfältiger Materialien wie Perlen, Fransen, Schellen, Keramik und Textilien aus. Damit durchbricht Gibson Hierarchien zwischen Kunsthandwerk und bildender Kunst sowie zwischen Populärkultur und Avantgarde.

Für seine erste Ausstellung in einem kontinental-europäischen Museum realisierte Gibson eine Installation für das Foyer des Chipperfield-Baus. Der als öffentlicher Begegnungsraum konzipierte Ort wird seither durch ein immersives Ensemble aus Malerei, Skulptur, Textil- und Keramikarbeiten neu erfahrbar und erfreut sich grösster Beliebtheit. In der Auseinandersetzung mit Mustern, Farbe und Text treten Gibsons Werke auch in Dialog mit historischen Positionen der geometrischen Abstraktion, von islamischer Ornamentik zu den Zürcher Konkreten, und mit lokalen Masken- und Fastnachtstraditionen. Der zweisprachige Titel verweist mit zwei Choctaw-Begriffen auf Prozesse des Zusammenbrechens und des Wiederaufbauens und eröffnet eine Reflexion über kulturellen Wandel.

Die Präsentation des Werks wurde von Abigail Winograd (Chicago) kuratiert und von einer ZürcherKulturstiftung ermöglicht. Die Aktivierung erfolgtdurch Zuwendungen des Gateway Funds, eines Fonds zur Unterstützung öffentlicher Kunstinstallationen im Kunsthaus Zürich.

Eliza Lips, Organisation Kunstprojekte


RECOLLECT! WU TSANG. LA MONTAÑA INVERTIDA

Im Sommer 2025 realisierte die US-amerikanische Künstlerin, Film- und Theaterregisseurin Wu Tsang (*1982 Worcester, MA) im Kunsthaus Zürich die Ausstellung «La montaña invertida» im Rahmen der Reihe «ReCollect!». Gemeinsam mit dem Autor, Kurator und Dramaturgen Enrique Fuenteblanca entwickelte sie ein Projekt, das Werke aus der Sammlung des Kunsthauses mit einer neuen, raumgreifenden Soundinstallation verband und den Kuppelsaal in einen Ort des Hörens, Wahrnehmens und Umdenkens verwandelte.

Ausgangspunkt der Intervention war das Motiv des Berges als kulturelles, politisches und mythologisches Symbol. Unter dem Titel «La montaña invertida» hinterfragten Tsang und Fuenteblanca etablierte Perspektiven und luden dazu ein, die Sammlung aus einer umgekehrten, marginalisierten Sichtweise zu betrachten – nicht vom Gipfel aus, sondern aus der Tiefe. Die Künstlerin verband dabei dokumentarische, narrative und poetische Elemente zu einer sinnlich-akustischen Erfahrung, die das Sehen bewusst zugunsten des Hörens verschob.

Zentraler Bestandteil der Präsentation war eine immersive Klanglandschaft, die Stimmen, Musik und Rhythmen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten vereinte. Ergänzt wurde diese durch ausgewählte Sammlungswerke, darunter Johann Adam Meisenbachs Fotografien von Tänzerinnen und Tänzern um Suzanne Perrottet und Rudolf von Laban, die auf den reformerischen Kontext des Monte Verità verwiesen. In der Verbindung von historischer Avantgarde und zeitgenössischer künstlerischer Praxis schlug das Projekt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

«La montaña invertida» verstand sich als poetische und politische Rekontextualisierung der Sammlung und als Einladung, museale Ordnungen neu zu denken. Die Intervention machte das Kunsthaus temporär zu einer Bühne für alternative Erzählungen und bestätigte Wu Tsang als eine prägende Stimme einer transdisziplinären, kollektiv ausgerichteten Gegenwartskunst.

Unterstützt durch The Leir Foundation.

Raphael Gygax, Curator-at-Large


MONSTER CHETWYND – ZARDOZ

Im Spätsommer 2025 eröffnete im Garten der Kunst des Kunsthaus Zürich die erste Auftragsarbeit, die im Rahmen von «Kunst für Alle» diesen Ort aktivieren und stärker in den Fokus der Besucherinnen und Besucher rücken soll. Mit der Realisierung wurde die Künstlerin Monster Chetwynd (*1973 London, lebt in Zürich) beauftragt. Mit «Zardoz» schuf sie eine monumentale, begehbare Skulptur in Form eines kolossalen Kopfes. Die Arbeit ist öffentlich frei zugänglich und bis 2028 zu sehen. Sie richtet sich ausdrücklich an ein generationenübergreifendes Publikum.

Für die Umsetzung arbeitete Chetwynd mit den beiden wissenschaftlichen Mitarbeitenden der ETH Zürich, Andrei Jipa und Angela Yoo vom Institut für Technologie in der Architektur, zusammen. Dieses ist assoziiert mit dem Lehrstuhl Digital Building Technologies, welcher sich mit der Erforschung neuer Bautechnologien befasst, die auf der nahtlosen Integration von computergestützten Entwurfsmethoden, digitaler Fertigung und neuen Materialien basieren. Mit ihrem gemeinsamen Start-up Contouro setzen Andrei Jipa und Angela Yoo an der ETH Zürich erworbenes Wissen in konkrete Bauprojekte um und entwickeln dabei innovative, aussergewöhnliche Formen. Auf der Grundlage eines rund 30 Zentimeter grossen Tonmodells der Künstlerin entwickelten Jipa und Yoo gemeinsam mit weiteren Kollaborationspartnerinnen und -partnern eine begehbare Struktur aus Holz, Stahl und Beton.

Chetwynds Skulptur verbindet kunsthistorische Bezüge mit Elementen aus Popkultur und Science-Fiction. Inspiriert von grotesken Gartenfiguren des 16. Jahrhunderts, insbesondere dem «Sacro Bosco» von Bomarzo, sowie vom Science-Fiction-Film «Zardoz» (1974), greift die Künstlerin die Figur des monumentalen Kopfes als zugleich irritierendes und spielerisches Motiv auf. Der über acht Meter hohe Kopf versteht sich nicht als Denkmal, sondern als Denk- und Erfahrungsraum: Im Innern befindet sich ein Klettergerüst, das zur körperlichen Erkundung der Skulptur einlädt und via eine Rutschbahn wieder nach aussen führt.

Zur Einweihung der Skulptur wurde mit Unterstützung der Swiss Re ein öffentliches Fest für die ganze Familie organisiert, mit Gratis-Glacé und Performance.

Das Projekt wurde vom Kunsthaus Zürich initiiert und in Partnerschaft mit der Schweizerischen Plastikausstellung (SPA) realisiert.

Unterstützt durch die Hans Imholz-Stiftung, die Tarbaca Indigo Foundation, die Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung, zwei weitere Stiftungen, die nicht namentlich erwähnt werden möchten, sowie private Gönnerinnen und Gönner des Gateway Funds, eines Fonds zur Unterstützung öffentlicher Kunstinstallationen im Kunsthaus Zürich.

Raphael Gygax, Curator-at-Large


Recollect! Wolfgang Laib – Berührung des Essentiellen

Diese Ausstellung wurde im Rahmen der Serie «ReCollect!»des Kunsthaus Zürich konzipiert. Gemeinsam mit dem weltweit tätigen deutschen Künstler Wolfgang Laib (*1950 Metzingen) erarbeitet, kombiniert sie dessen charakteristische Arbeiten mit ausgewählten Meisterwerken der Kunsthaus-Sammlung. Seit Ende der 1970er-Jahre hat Laib eine ganz eigene künstlerische Sprache entwickelt. Ausgehend von natürlichen Substanzen wie Blütenstaub, Wachs, Milch oder Stein schafft er Werke, mit denen er –wie sein Förderer Harald Szeemann sagte – «durch kleinste skulpturale Gesten unermesslich weite innere Räume aufzeigt».

Geistige und spirituelle Inhalte, sowohl aus asiatischerals auch westlicher Kultur, sind für sein Schaffen seit jeher prägend. Dabei bedient sich Laib einer reduzierten Formensprache, die eng mit der Entwicklung der modernen westlichen Kunst verbunden ist. Vor dem Hintergrund der Fragen nach dem Vergänglichen und dem Ewigen ist es die besondere Materialität seiner Werke, die Inhalt und Form auf inspirierende Weise zusammenbringt.

Nach bedeutenden Ausstellungen in historischen Kirchen- und Klosterbauten in Ravenna und Florenz regten diese «transhistorischen» Begegnungen dazu an, ein solches Konzept erstmals in einem grossen Museum wie dem Kunsthaus umzusetzen. Dies ist umso stimmiger, als Laib das Haus seit seiner Jugend kennt. Im 1. Stock des Müller-Baus treffen seine Installationen noch bis Herbst 2026 auf herausragende Exponate vom Mittelalter bis zum späten 20. Jahrhundert, darunter Hauptwerke von Monet, Kandinsky, Brancusi, Giacometti, Rothko oder Newman.

Als Katalysatoren lassen sie die Sammlung in neuen Facetten erfahrbar werden. Einbezogen sind zudem Objekte asiatischer Kunst, wie eine lebensgrosse Marmor-Statue des indischen Jainismus als besondere Leihgabe und Zusammenarbeit mit dem Museum Rietberg. Ein separater Raum zeigt zudem einen Film über den Künstler.

Die Ausstellung wurde begleitet von einem Katalog mitBeiträgen von Wolfgang Laib, Philippe Büttner, Johannes Beltz (Stv. Direktor, Museum Rietberg), Mami Kataoka (Direktorin des Mori Art Museum in Tokio) und einem wieder abgedruckten Text von Harald Szeemann zu einem 1991 vom Kunsthaus angekauften Werk Wolfgang Laibs.

Unterstützt durch The Leir Foundation sowie Thomas W.und Cristina Bechtler.

Philippe Büttner, Senior Kurator Sammlung


WASSILY KANDINSKY. KLEINE WELTEN

Der Grafikraum im 1. Obergeschoss des Moser-Baus versteht sich als Schaufenster der Grafischen Sammlung, um Werke zu präsentieren, die aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit nicht regelmässig gezeigt werden können. 2025 präsentierte das Kunsthaus an diesem Ort die berühmte zwölfteilige Mappe «Kleine Welten» von Wassily Kandinsky (1866 Moskau – 1944 Neuilly-sur-Seine). Diese wurde 1922 am Staatlichen Bauhaus in Weimar gedruckt, genau in jenem Jahr also, in dem Kandinsky seine dortige Lehrtätigkeit aufnahm. Der Titel der Folge, «Kleine Welten», ist Programm: Material, Zahl und Klang verdichten sich hier jeweils zu Mikrokosmen. Mit den sechs in Schwarz-Weiss und sechs in Farbe gedruckten Blättern spielte Kandinsky auf die kosmische Dimension der Zahl zwölf an (Monate, Tages- und Nachtstunden).

Hierfür bediente er sich drei verschiedener druckgrafischer Techniken: Holzschnitt, Lithografie und Kaltnadel. Dass Kandinsky in diesen Arbeiten an eine Verbindung von bildender Kunst und Musik dachte, lässt sich dem Vorwort der Mappe entnehmen, wo es heisst: «Die  Kleinen Welten  klingen aus 12 Blättern heraus». 1952 vom Kunsthaus erworben, gehört diese Mappe zu den Höhepunkten an druckgrafischen Werken, die das Kunsthaus aus Kandinskys Bauhaus-Zeit besitzt.

Jonas Beyer, Kurator


O Mensch! Wilhelm Lehmbruck – Die letzten Jahre. Dialog mit Yves Netzhammer

Ausgehend vom jäh beendeten Lebenswerk des deutschen Expressionisten Wilhelm Lehmbrucks (1881 Meiderich bei Duisburg – 1919 Berlin) und neuen Arbeiten von Yves Netzhammer (*1970 Schaffhausen, lebt in Zürich) widmete sich die Ausstellung zentralen Fragen zum Menschsein und zur Menschlichkeit in einer Zeit der Not und Unsicherheit. Beide Künstler umkreisen diese Themen in ihrem Schaffen auf je eigene Weise.

Lehmbrucks letzte Lebens- und Schaffenszeit, die er von 1914 bis 1919 in Berlin und Zürich verbrachte, stand hier zum ersten Mal im Fokus einer Betrachtung. Sie war von harten äusseren Umständen und einer inneren Zerrissenheit geprägt, die erstaunlicherweise mit einer grossen künstlerischen Produktivität einherging. Lehmbruck war nicht nur Bildhauer, er war auch Maler, Zeichner und Druckgrafiker. Von ihm wurden zwanzig Plastiken, sieben Gemälde und rund dreissig Arbeiten auf Papier gezeigt.

Gerade in seinen letzten Werken zeigt sich Lehmbruck als Visionär, der mit seinen «mentalen» Plastiken in eine neue Richtung wies und mit seinem Ansinnen von den nachfolgenden Generationen von Kunstschaffenden verstanden wurde. Als Dialogpartner der Gegenwart begegnete ihm der Schweizer Künstler Yves Netzhammer mit neuen Arbeiten, die teilweise ortspezifisch entstanden sind. Neben projizierten und mittels LED-Rotoren generierten Werken wurden auch plastische, im 3D-Druckverfahren hergestellte Objekte gezeigt. Seine Bildwelten aus der Gegenwart schlugen einen Bogen zu Lehmbrucks Themen, die nichts an Aktualität eingebüsst haben. Netzhammer war zugleich Szenograf der gesamten Ausstellung. Es war das erste Mal, dass ein Künstler unserer Zeit Lehmbrucks Werke inszeniert und damit neue Dimensionen in dessen Œuvre freigelegt hat.

Zu beiden Künstlern erschien je eine deutsch-englische Publikation, wovon diejenige zu Netzhammer später herauskam, um die ungewöhnliche Ausstellungsarchitektur dokumentieren zu können. Die vielbeachtete Schweizer Nachwuchsautorin Simone Lappert steuerte dazu neue Gedichte bei.

In enger und exklusiver Zusammenarbeit zwischen Yves Netzhammer und dem Kunsthaus Zürich ist eine einzigartige, limitierte Kunstedition entstanden. «Ohne Titel», 2025, ist eine zeitgenössische Neuinterpretation der klassischen Büste. Die Edition von 30 Ex. ist handveredelt, nummeriert und von einem Zertifikat begleitet.

Ein vielfältiges Rahmenprogramm mit einem Lehmbruck-Dada-Stadtrundgang, dialogischen Kuratorinnen-Führungen in Begleitung des Geigenspielers Emanuele Zanforlin, der eigens dafür Musik komponierte, einer Buchvernissage mit Netzhammer, einem Klavierkonzert mit dem ukrainischen Starpianisten Alexey Botvinov sowie einem installativen Konzert des ENSEMBLE TZARA in Kooperation mit dem Cabaret Voltaire und einem Filmprogramm in Kooperation mit den Arthouse Kinos rundeten die Ausstellung ab.

Die Ausstellung wurde realisiert von den Co-Kuratorinnen Angelika Affentranger-Kirchrath und Sandra Gianfreda. Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), in Zusammenarbeit mit dem Lehmbruck Museum, Duisburg.

Unterstützt durch die Hans-Eugen und Margrit Stucki-Liechti Stiftung (HMSL) und eine Stiftung, die anonym bleiben möchte.

Sandra Gianfreda, Kuratorin


Druck Gemacht! Meisterwerke auf Papier von Albrecht Dürer bis Dieter Roth

Nur einem kleinen Kreis an Personen dürfte bislang bekannt gewesen sein, in welcher Fülle und Qualität druckgrafische Meisterwerke in unserem Depot schlummern. Für das Medium der Zeichnung wurde bereits im Jahr 2015 eine Übersichtsausstellung zu den bedeutendsten Blättern unserer Sammlung ausgerichtet. Nun also, genau zehn Jahre später, widmeten wir uns dem Gedruckten, wobei möglichst vielen Verfahren – vom Holzschnitt über die Radierung bis zum Siebdruck – Beachtung geschenkt werden sollte. Indem wir die Werke nicht chronologisch gehängt, sondern nach Techniken gruppiert haben, wurde offenbar, dass sich mit ein und derselben Technik im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Ausdrucksdimensionen erzielen liessen. Präsentiert wurde ein reicher Strauss an Grafiken: von ganz frühen Holzschnitten anonymer Meister bis zu zeitgenössischen Siebdrucken. Das Spektrum reichte ferner von Blättern in nuancenreichem Helldunkel bis zu Werken, die grösste Farbvielfalt zeigen. Gezeigt wurden Werke von u.a. Albrecht Dürer, Rembrandt van Rijn, Francisco de Goya, Käthe Kollwitz, Mary Cassatt und Dieter Roth.

Ein reiches Veranstaltungsprogramm, unter anderem mit einem Lithografie-Workshop bei Thomi Wolfensberger, sowie ein als Handbuch einsetzbarer Begleitkatalog rundeten die Präsentation ab.

Unterstützt wurde die Ausstellung durch die Truusund Gerrit van Riemsdijk Stiftung, die Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung sowie die Heinrich und Rose-Marie Landolt Stiftung.

Jonas Beyer, Kurator


ALICE BAILLY

Im Herbst konnte im Rahmen eines institutionellen Austauschs mit dem Musée cantonal des Beaux-Arts (MCBA), Lausanne, eine kleine monografische Werkschau der Westschweizer Künstlerin Alice Bailly (1872 Genf – 1938 Lausanne) präsentiert werden. Ihre Werke kamen als Gegenleihgaben für mehrere Gemälde von Félix Vallotton, die das Kunsthaus Zürich an die Ausstellung «Vallotton Forever. Die Retrospektive» ausgeliehen hat, zu uns. Wir haben die Gelegenheit ergriffen, die beiden «Vallotton-Räume» im Moser-Bau den Werken dieser wichtigen Pionierin der Schweizer Avantgarde zu widmen. Den Lausanner Bestand konnten wir auf sehr passende Weise durch das Gemälde «Femme au miroir ou Femme à la toilette (Ludmilla Botkine)», 1918, sowie die Grafik «Dancing», 1923, aus unserer Sammlung ergänzen.

Alice Bailly lebte und arbeitete mehrere Jahre in Paris. Dort griff sie um 1910 aktuelle Tendenzen in der Malerei auf und entwickelte eigene futuristische und kubistische Ansätze. In hellen Farben abstrahierte und fragmentierte sie ihre Sujets; gleichzeitig bleiben ihre Bildgegenstände immer erkennbar. Baillys Interesse galt hauptsächlich der menschlichen Figur und der Visualisierung von Bewegung. Nach ihrer ersten Rückkehr in die Schweiz nahm sie 1918 / 1919 an Dada-Veranstaltungen in Zürich teil. In dieser Zeit schloss sie sich der Gruppe «Das Neue Leben» an, die für das Zusammenführen von angewandter und bildender Kunst und deren Integration in das Alltagsleben plädierte. Ein Beispiel dafür sind Baillys rund 50 Wollbilder, die in den Jahren um 1920 entstanden sind; sechs davon waren im kleinen Nebenraum ausgestellt. Bailly stellte sie 1919 zweimal in Gruppenausstellungen im Kunsthaus Zürich aus. Die Wollbilder wurden oft abwertend als weibliches Kunsthandwerk rezipiert, was Bailly sehr empörte. Sie lehnte eine geschlechtsspezifische Abgrenzung ab und wurde zu ihrer Zeit als eine der modernsten Künstlerinnen bezeichnet. Ab 1923 bis zu ihrem Lebensende arbeitete sie in Lausanne.

Maja Wismer, Leiterin Sammlungsbetreuung und Forschung


LYGIA CLARK. RETROSPEKTIVE

Die Retrospektive der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark – einer Pionierin, die den Kunstbegriff radikal erneuerte und die Grenzen zwischen Leben und Kunst verschwimmen liess – wurde im Herbst 2025 eröffnet. Als Hauptvertreterin des Neoconcretismo, einer 1959 in Rio de Janeiro gegründeten Bewegung, verfolgte Clark (1920 Belo Horizonte – 1988 Rio de Janeiro) seit den 1950er-Jahren systematisch die Idee einer Erweiterung der visuellen oder intellektuellen Kunsterfahrung um die körperbezogene. Clark begann ihre künstlerische Laufbahn als Malerin. Bald erweiterte sie zuerst das Bild in den Raum, dann erhielt die Skulptur einen immer stärkeren Körperbezug, bis sie das objekthafte Kunstwerk schliesslich ganz aufgab. Clark nannte ihre Kunstwerke «Proposições» (Vorschläge für partizipative Objekte und Aktionen), die keine Originale mehr brauchen. Sie sind vielmehr Handlungsanweisungen zur Aktivierung speziell angefertigter Kleider oder Masken, die einen neuen Blick auf die Welt ermöglichen. Clark hat diese in ihrem freiwilligen Exil in Paris und besonders während ihrer Tätigkeit als Dozentin mit ihren Studierenden an der Universität Paris-Sorbonne entwickelt, also während der Militärdiktatur in Brasilien und der Post-68-Aufbruchsära. In den letzten zwölf Jahren ihres Lebens widmete sich Clark schliesslich ganz der «Strukturierung des Selbst»: Ihren Klientinnen und Klienten verhalf sie in Einzeltherapien mittels eigener, aus ihrer Kunsterfahrung schöpfender Methoden zum inneren Selbst.



In dieser ersten Retrospektive in der Schweiz wurde ein umfassender Überblick über alle Schaffensphasen von Lygia Clark gezeigt. Zu sehen waren rund 170 Exponate, darunter 120 originale Frühwerke – viele darunter waren erstmals in Europa zu sehen – und 50 sinnlich-partizipative Repliken. Die Ausstellung war in zwei Teile gegliedert: in einen ersten, in welchem die Kunst betrachtet und einen zweiten, in dem die Kunst berührt und aktiviert werden konnte. Am Ende der Ausstellung stand Eduardo Lins Clark Ribeiros Film über seine Mutter Lygia von 1973. Die distinkten Werkphasen wurden auch entsprechend inszeniert, um die Besuchenden zur Aktivität aufzufordern. Dazu verhalfen eigens für die Show entstandene 14 Kurzfilme, in denen die Handlungsanweisungen Clarks von der Künstlerin Talaya Schmid und der Kunstvermittlerin Kim Stengl vorgeführt wurden. Die Ausstellungsgrafik realisierte Lena Huber, Chantal Hochuli kreierte dafür eigens eine Schrift. Für die Architektur zeichnete Li Tavor, 2018 für «Svizzera 240: House Tour» mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Ferner ist ein achtteiliger Podcast entstanden und für alle online zugänglich, der u. a. Zeitgenossinnen und -genossen Clarks wie Yve-Alain Bois, Suely Rolnik und Jean Da Silva oder auch die jüngste Forschung von Irene V. Small und Elize Mazadiego in den Fokus stellte. Zudem ist ein umfangreicher Katalog mit allesamt neuen Texten beim E. A. Seemann Verlag in Leipzig erschienen.

Bemerkenswert war, dass das Kunsthaus und das Haus Konstruktiv zum ersten Mal in ihrer institutionellen Geschichte eine aktive Zusammenarbeit eingegangen sind. Eine begleitende und von Evelyne Bucher kuratierte Präsentation des Haus Konstruktiv (23.10.25.–11.1.2026) beleuchtete kritisch und unter Berücksichtigung jüngerer Forschungsergebnisse die schweizerisch-brasilianische Verbindung und besonders den Einfluss des Zürcher Konkreten Max Bill.

Eine Ausstellung des Kunsthaus Zürich in Kooperation mit der Neuen Nationalgalerie, Irina Hiebert Grun und Maike Steinkamp, Berlin. Die Retrospektive ist im engen Austausch mit der Associação Cultural O Mundo de Lygia Clark und insbesondere Alessandra Clark entstanden.

Unterstützt von der Art Mentor Foundation Lucerne und The Leir Foundation.

Cathérine Hug, Kuratorin


Kunstprojekte im Film- und Videoraum

Im Film- und Videoraum im ersten Stock des Chipperfield-Baus werden seit dessen Eröffnung im Herbst 2021 regelmässig wechselnde Filme und Videos gezeigt. Dies meist aus der eigenen Medienkunstsammlung, die zu den grössten und bedeutendsten der Schweiz gehört.

2025 wurden allerdings zunächst die beiden Werke «Yellow Patch» (2011), seit November 2024, und «Blind Spot» (2023), Leihgaben der in Uganda geborenen Künstlerin Zarina Bhimji (*1963 Mbarara) gezeigt. Bhimji wurde 2024 für ihr Gesamtwerk im Kunsthaus der Roswitha Haftmann-Preis, der höchstdotierte Kunstpreis Europas verliehen. Der Preis ist seit seiner Entstehung eng mit dem Kunsthaus verbunden. Dies war der Anlass, zwei Filme von ihr zu zeigen. Bhimjis Filme werden nicht durch Handlungen vorangetrieben. Es werden zwar Geschichten angedeutet, aber nicht erzählt. Auf präzise Informationen und sachliche Darstellungen verzichtet sie, um die ästhetischen Qualitäten, das poetische Potenzial und die visuelle Mehrdeutigkeit ihrer Bilder hervorzuheben.

Anschliessend folgte die Präsentation eines Werks des britischen Duos Nashashibi / Skaer (eine Dauerleihgabe der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde, Gruppe Junge Kunst).

Die beiden Künstlerinnen Rosalind Nashashibi(*1973 Croydon) und Lucy Skaer (*1975 Cambridge) nehmen oft historische Referenzen als Ausgangspunkt. Der Titel des Films «Why Are You Angry?» (2017) ist einem Gemälde von Paul Gauguin (1848–1903) entliehen, der Ende des 19. Jahrhunderts während seiner Aufenthalte auf Tahiti die einheimischen Frauen zahlreich abbildete. Die Filmszenen von Nashashibi / Skaer stellen seine idyllischen Bildkompositionen nach und akzentuieren bewusst das Unbehagen der Frauen, die nackt und verletzlich posieren, um einem bestimmten Werk von Gauguin zu ähneln. Ihre ausweichenden oder irritierten Blicke demaskieren die Kamera als aufdringlichen Fremdkörper und verdeutlichen die koloniale Dynamik der Situation.

Im November eröffnete die letzte Präsentation mit einem Werk aus der Sammlung von Cecilia Vicuña (*1948 Santiago de Chile), der Roswitha Haftmann-Preisträgerin 2025. Ihr Schaffen ist geprägt von der Faszination für die Kraft der Sprache, für indigene Kulturen und einem stetigen Engagement für ökologische und soziale Gerechtigkeit. Sie verbindet Poesie mit Malerei, Installation,Performance und Aktivismus. Nach einem Studienaufenthalt in London migrierte die Künstlerin 1975 nach Kolumbien, zu dieser Zeit eines der wenigen Länder Südamerikas ohne Militärdiktatur. Sie verbrachte mehrere Jahre in Bogotá, wo sie den Film «What Is Poetry to You?» (1980) produzierte. Darin stellt sie Passanten, Kindern, Sexarbeiterinnen, Polizisten, Dichterinnen und einem Biologieprofessor die scheinbar einfache Frage «Was ist Poesie für Sie?». Die spontanen Antworten bieten einen vielschichtigen Einblick in die Träume, Sorgen und Hoffnungen der Menschen in diesem Kontext. So entsteht eine Art Porträt eines kollektiven Bewusstseins, in dem Poesie als emotionale und soziale Kraft erfahrbar wird.

Luca Rey, Wissenschaftlicher Mitarbeiter


Kunstprojekte im Dada-Kabinett

Das Dada-Kabinett ist seit 2021 eine feste Grösse und zeigt in regelmässigen Abständen thematische und monografische Dada-Präsentationen mit Aktualitätsbezug. Das Kunsthaus Zürich besitzt mit rund 750 historischen Dokumenten und Kunstwerken eine der weltweit umfangreichsten Dada-Sammlungen. Anlässlich des 100-jährigen Geburtstags von Dada wurden alle Dokumente und Arbeiten auf Papier 2016 digitalisiert, zum Teil restauriert und werden dem Publikum via digital.kunsthaus.ch rund um den Globus zugänglich gemacht.

In den diesjährigen drei Präsentationen standen die Beziehung zwischen Surrealismus und Dadaismus sowie deren Auswirkungen bis heute im Mittelpunkt. 2024, also vor 101 Jahren, gründete André Breton mit einem Manifest «offiziell» den Surrealismus in Paris, inspiriert von den Schriften des Psychoanalytikers Sigmund Freud über das Unbewusste. Viele ihrer Anhänger – neben Breton auch Max Ernst, Francis Picabia oder Man Ray – waren bereits bei Dada federführend. Der Surrealismus ist ohne Dada nicht denkbar, gleichzeitig musste Dada acht Jahre nach seiner Gründung neue produktive Wege gehen. Dada und Surrealismus inspirieren bis heute. Mark Divo (*1966) gehört zu ihren umtriebigsten Interpretatoren, indem er vor 20 Jahren das Cabaret Voltaire mit einer als Kunstaktion verstandenen Hausbesetzung reaktivierte. Im Kabinett war Divo mit mehreren Bildern und einer Publikation zu entdecken, im Zwiegespräch mit eigenen Beständen.

Ferner war der Film «Un Chien andalou» (1929) von Luis Buñuel und Salvador Dalí zu sehen, der als ein Höhepunkt des surrealistischen Films gilt. Jiří Dokoupil (*1954) hat in seinem Bild den gesamten «Chien andalou» als simultanes Gesamttableau aufgedröselt, in dem alle Einzelbilder des Films nebeneinander reproduziert worden sind und das als Leihgabe für ein halbes Jahr zu bewundern war.

Im dritten Jahresabschnitt legte sich der Fokus dannauf den Körper und den Schmerz, inspiriert von der Ausstellung «O Mensch! Wilhelm Lehmbruck – Die letztenJahre. Dialog mit Yves Netzhammer» (24.10.2025 –18.1.2026). Anders als bei Dada stand beim Surrealismus nicht mehr die Zerschlagung des Gesellschaftssystems im Vordergrund, sondern die Entfaltung des Individuums beispielsweise aus den Energieströmen von Träumen, Schmerzen oder der Sexualität. Inzwischen hat sich das Adjektiv «surrealistisch» verselbstständigt und ist fester Bestandteil unserer Umgangssprache. Wir nahmen das zum Anlass, um Kunstschaffende von Dada und Surrealismus bis heute miteinander in Beziehung zu setzen und zu schauen, wie sie Fragen rund um den körperlichen und seelischen Schmerz adressieren: vom Tode bei Mark Divo über Germaine Richiers und Kurt Seligmanns unheimliche Gestalten bis zu Yves Netzhammers Cyborgs, die uns befremden und wir zugleich liebgewinnen.

Cathérine Hug, Kuratorin


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