Express, 1972

Kiki Kogelnik
Express, 1972

Warum ist das Werk von Sigrid aka Kiki Kogelnik (1935 Graz – 1997 Wien) für uns heute so relevant? Das wohl stärkste Argument hierfür ist die Aktualität und visionäre Vorwegnahme ihrer Themen: Körperlichkeit, Robotik, neuartige Materialien (Vinyl) sowie Techniken (Airbrush). Kogelniks Bildsprache ist ansprechend plakativ und dennoch vielschichtig subtil. Nun hat ein Hauptwerk der Künstlerin mit Mitteln der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde Eingang in die Sammlungsbestände gefunden. Angestossen wurde der Ankauf durch die Retrospektive zu Kogelnik, die vom 22. März bis 14. Juli 2024 im Kunsthaus Zürich stattgefunden hat und zusammen mit dem Kunstforum Wien und dem Kunstmuseum Brandts (DK, Odense) in enger Kooperation mit der Kiki Kogelnik Foundation organisiert worden ist.

«My paintings are about women – about illusions women have about themselves.»1 Das grossformatige Gemälde «Express» gehört zur Werkserie von Kogelniks sogenannten Frauenbildern der 1970er-Jahre und zählt zugleich zu ihren berühmtesten Arbeiten, die der Pop Art zuzuschreiben sind. Diese Darstellungen von Frauen haben meist Airbrush-artige Bildhintergründe und sind ähnlich aufgebaut: Muster und Texturen sind plakativ, scheinen die Formenwelt der Wiener Werkstätte (1903 gegründetes Kunstproduktionsunternehmen mit Sitz in Wien) wie auch die High-Fashion-Trends der Zeit zu widerspiegeln und bleiben dem Artifiziellen verhaftet. Die Farbwahl und die simplen Grundformen lassen an Werbegrafik oder Comics denken, im Falle von «Express» liegt gar ein konkretes Werbefoto vor. Die Frauen wirken – so auch hier – wie Geister, von deren Körper modische It-Pieces baumeln, und die Posen wirken hoch affektiert oder zumindest befremdlich. Kogelnik setzt sich explizit hier mit weiblicher Körperlichkeit und Rollenzuschreibungen auseinander, das wichtigste Kriterium bleibt aber eine gewisse Künstlichkeit. Die entfesselt zu tanzen scheinende junge Person strahlt Freiheit, Lebenslust und Selbstbewusstsein aus. Sie bietet ihren nur leicht bekleideten Körper zwar den Blicken an, aber tut das selbstbestimmt und mit einer Prise provokativer Ironie, als wolle sie uns in ihrer Verfügbarkeit auch Grenzen setzen.

Dieses Auf-Distanz-Bleiben findet heute seine Entsprechung in der Instagram-, Tiktok- & Co-Ästhetik junger Menschen, die keinen Hehl aus ihrer sexuell konnotierten Lebenslust machen, aber eben nur bis zur Grenze der Kamera (auf ihrer) beziehungsweise des Screens (auf Betrachtendenseite).2 Das überraschendste Zeichen von Eskapismus vernimmt man bei Kogelnik erst auf den zweiten Blick, und zwar in der Unvollkommenheit, in subtil gesetzten Störfaktoren: Die Protagonistin ist zum einen barfuss, zum anderen lässt ihr Gesicht eher an eine Sexpuppe als an eine reale Person denken.3 Die Thematik der zwischen Konsumentin und Konsumgut hin- und hergerissenen Frau bleibt bis heute akut. Mit dem Eingang dieses wichtigen Gemäldes aus Kogelniks Œuvre werden die Pop Art-Bestände des Kunsthaus Zürich, zu denen Werke von Andy Warhol und Claes Oldenburg zählen, um eine wichtige weibliche Position ergänzt, und das in einem Land, das Kogelnik bereits 1971, also fast zeitgleich zur Entstehung dieses Gemäldes, gezeigt hat.4

Cathérine Hug, Kuratorin

 

1Kiki Kogelnik in einer Notiz von ca. 1972, Archiv der Kiki Kogelnik Foundation, zit. nach Lisa Ortner-Kreil, «Now Is the Time. Zum Begriff der Gegenwart bei Kiki Kogelnik», in: Dies. (Hrsg.), Kiki Kogelnik: Now is the Time, Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich u.a.m., Heidelberg 2023, S. 66.
2Siehe dazu beispielsweise Angelika Schoder, «What Becomes a Norm and what Becomes a Problem», in: Anika Meier (Hrsg.), Link in Bio: Art after Social Media, Ausst.-Kat. Museum der Bildenden Künste Leipzig, Heidelberg 2020, S. 56–61. Ferner auch Heike Munder (Hrsg.), Producing Futures: A Book on Post-Cyber-Feminisms, Ausst.-Kat. Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich 2019.
3Vgl. dazu Cathérine Hug, «A walking work of art, Überlegungen zu Einflüssen und Impulsen aus der Mode bei Kiki Kogelnik», in: wie Endnote 1, S. 150–151.
4Im Februar / März 1971 zeigte Kogelnik anlässlich einer Einzelausstellung in der Galerie Dibi Däbi in St. Gallen verschiedene Siebdrucke.

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